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Psychologische Sicherheit ist ein Gefühl, also die Wahrnehmung, dass ich mich in einer Umgebung befinde, die sicher ist und die darüber hinaus geeignet dafür ist, Risiken einzugehen. Dieses Gefühl entsteht im Grunde genommen, wenn Menschen offen miteinander kommunizieren können und sich so einbezogen fühlen, lernen können und bereit sind, auf festem Grund den Status Quo zu hinterfragen. Hier geht es also in erster Linie um Vertrauen und Zutrauen.

Amy Edmondson hat den Ausdruck der psychologischen Sicherheit in Zusammenhang mit der Arbeit in Teams weltweit bekannt gemacht. 

Ich erkläre dir heute, wie psychologische Sicherheit entsteht, warum sie gerade jetzt so wichtig für unsere Gesellschaft ist und wie du sie selbst trainieren kannst. 

Psychologische Sicherheit: Definition und Forschung

Psychologische Sicherheit gilt heute als eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen Menschen, in der sich alle offen äußern können, ohne Angst vor Zurechtweisung, Beschämung oder sonstigen negativen Sanktionen haben zu müssen. 

In einer Atmosphäre der psychologischen Sicherheit ist es möglich und erwünscht, Fragen zu stellen, Fehler zu machen, Informationen zu teilen oder seine eigene Meinung zu äußern. 

Eine kurze Geschichte der psychologischen Sicherheit

Zum ersten Mal tauchte der Begriff in der Forschung auf: nämlich in dem 3-Phasen-Modell von Kurt Lewin, in dem es um die Darstellung sozialer Veränderungen in Gruppen und Gemeinschaften geht (1947).1

Darauffolgend untersuchten Edgar Schein und Warren Bennis (1965) sowie William Kahn (1990) in verschiedenen Studien, wie wichtig psychologische Sicherheit für die Transformation und für das organisationale Verhalten ist.2,3

In den 1990-er Jahren begründete dann Amy Edmondson ihr Konzept der psychologischen Sicherheit. Bis heute wird ihre Arbeit in unterschiedlichen Forschungen aufgegriffen und bestätigt – weshalb ich darauf im Folgenden noch etwas näher eingehe.

Amy Edmondson und die Geheimnisse erfolgreicher Teams

Amy Edmondson lehrt als Professorin an der Harvard Business School über Führung und Management. Sie widmet sich den Themen der Geheimnisse erfolgreicher Teams, des Lernens in Organisationen und der psychologischen Sicherheit. 

In ihren Arbeiten zur Fehlerforschung fand sie heraus, dass die Leistung eines Teams umso besser ist, desto mehr Fehlermeldungen es innerhalb dieses Teams gibt. 

Das bedeutet, dass erfolgreiche Teams nicht quantitativ mehr Fehler als andere machen. Sondern dass sie diese Fehler offen ansprechen.4 

In einem Interview von David Green (2020) definierte Amy Edmondson psychologische Sicherheit folgendermaßen (sinngemäß):

„Es ist die gemeinsame Überzeugung, mich in einer Umgebung zu befinden, in der zwischenmenschliche Risiken eingegangen werden können. In der ich also zum Beispiel Hilfe erbitten, einen Fehler zugeben oder ein Projekt kritisieren kann. Nicht gemeint ist eine Wohlfühlumgebung, in der sich alle dauernd auf die Schulter klopfen“.

Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School

„Also eine Umgebung, in der sich die Menschen trauen, den Mund aufzumachen?“, fragte David.

„Genau das. Leichter gesagt als getan“, antwortete Amy.

Das bedeutet: alle müssen sich gehört fühlen.

Das Forschungsprojekt „Aristoteles“ von Google

Auch Google ist der Frage nachgegangen, was ein Team erfolgreich macht. Innerhalb von 2 Jahren wurden über 200 Google-Mitarbeiter befragt und mehr als 180 Teams beobachtet. 

Das Ziel: herauszufinden, welches die optimale Formel für die Zusammenstellung von Fach- und Sozialkompetenzen ist.

Das Ergebnis: der Erfolg eines Teams hängt davon ab, wie die Teammitglieder miteinander agieren, ihre Arbeit strukturieren und ihren eigenen Beitrag wahrnehmen. 

Laut Googles Studie gibt es folgende 5 Schlüsselfaktoren für erfolgreiche Teams:

  1. Psychologische Sicherheit
  2. Zuverlässigkeit
  3. Struktur und Klarheit
  4. Bedeutung der eigenen Arbeit für sich selbst
  5. Auswirkungen der Arbeit6

Zusammengefasst: laut Googles Studie braucht es für den Erfolg eines Teams eine offene Kommunikation, ein klares Ziel und das Gefühl jedes Einzelnen, an der Erfüllung dieses Zieles mitzuwirken.

Das bedeutet wiederum: erfolgreiche Teams hängen auch von der psychologischen Sicherheit ihrer einzelnen Mitglieder ab. Nur, wenn der Einzelne sich psychologisch sicher fühlt, kann er im Team erfolgreich sein.

Es stellt sich also nun die Frage, wie psychologische Sicherheit denn eigentlich in jedem Einzelnen entstehen kann. Das erkläre ich dir im folgenden Abschnitt.

Das Forschungsprojekt „Aristoteles“ von Google
Quelle: Adobe Stock

Wie entsteht psychologische Sicherheit?

In Teams

Laut Amy Edmondson entsteht psychologische Sicherheit in Teams, wenn folgende Eigenschaften gegeben sind: 

  • Offen die eigenen Meinung äußern können
  • Jede*r spricht gleich viel
  • Soziale Empathie muss vorhanden sein
  • Fehler dürfen gemacht und besprochen werden
  • Individuelle Stärken, Talente und Fähigkeiten werden geschätzt7

Doch bevor psychologische Sicherheit in Teams entstehen kann, muss dies in meinen Augen erstmal in jedem Einzelnen geschehen.

In jedem Einzelnen

In uns selbst ist das Gefühl von Sicherheit auf der einen Seite durch die Qualität unserer zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmt.

Wenn wir wissen, dass wir Menschen haben, denen wir vertrauen können, gibt das Sicherheit. 

Vertrauen entsteht in der Kindheit, je nach Bindung zu den Bezugspersonen. Bereits Kinder lernen, dass es Menschen gibt, denen sie vertrauen können. Dass Menschen füreinander da sind und altruistisch handeln können. 

Auf der anderen Seite verstärkt das Vertrauen in sich selbst – das Selbstvertrauen – auch das Gefühl der psychologischen Sicherheit.

Wenn ich weiß, was ich für Fähigkeiten, Kenntnisse und Ressourcen habe, gibt mir das ein sicheres Gefühl. 

Was passiert, wenn wir uns psychologisch nicht sicher fühlen?

Wenn wir uns nicht sicher fühlen, dann kommen wir in den Stressmodus:

Wir produzieren die beiden Stresshormone Kortisol und Adrenalin und sind so nicht mehr in der Lage, klare Entscheidungen zu treffen. Wir reagieren, statt zu agieren.

Gefühle wie Kreativität und Mitmenschlichkeit werden eingeschränkt, unser Gehirn will nur noch unser Überleben sichern. 

Ein Zustand, der, wenn er lange anhält, krank macht – physisch und psychisch. 

Psychologische Sicherheit
Quelle: Adobe Stock

Psychologische Sicherheit in unserer aktuellen Zeit (BANI)

Unsere Welt ist komplex. Und seit jeher sind wir Menschen bemüht, eine Struktur für das Unbestimmte zu schaffen – also mit Modellen die Dynamiken des Wandels zu erklären.

In den letzten Jahrzehnten hat uns das VUCA-Konzept dabei geholfen. Es entstand in den 1980er-Jahren und beschreibt die Welt als:

V = Volatile (volatil)

U = Uncertain (unsicher)

C = Complex (komplex)

A = Ambiguous (mehrdeutig)

Doch heute stehen wir an der Schwelle zu einer Welt, die von Chaos geprägt ist: Politisches Chaos, Klimakatastrophe, globale Pandemie.

Das bisherige Modell VUCA scheint plötzlich unzureichend zu sein, um alltägliche Störungen zu erkennen, zu erklären und darauf zu reagieren. 

Deshalb entstand das, auf die Situation angepasste, Modell BANI, das Jamais Cascio in seinem Medium-Beitrag „Facing the age of chaos“ als neue Sinnstruktur ins Leben gerufen hat.9

Das Akronym BANI steht für:

B = Brittle (brüchig)

A = Anxious (ängstlich)

N = Non-linear (nicht-linear)

I = Incomprehensible (unbegreiflich)

BANI steht für eine neue Möglichkeit, den gegenwärtigen Zustand der Welt besser artikulieren zu können, um darauf zu reagieren.

Wie hilft uns BANI dabei, psychologische Sicherheit herzustellen? 

Für so viele Menschen auf der Welt sind die aktuellen Ereignisse zu unverständlich, zu unkontrollierbar, zu gewaltig, als dass man sich angemessene Reaktionen vorstellen könnte.

Doch es muss nicht so sein. 

Denn wir wollen nicht über-leben, sondern leben.

Wir wollen Freude, uns weiterentwickeln, vertrauen können und mit unseren Potentialen die Welt gestalten können. 

Dafür benötigen wir psychologische Sicherheit. 

Und diese können wir trainieren.

Gehirntraining - Psychologische Sicherheit
Quelle: Adobe Stock

Dafür geben uns die Bestandteile des Akronyms BANI sogar die Möglichkeiten, denn:

B = Brüchigkeit kann mit Widerstandsfähigkeit begegnet werden.

A = Angst kann durch Empathie und Achtsamkeit gemildert werden.

N = Nichtlinearität erfordert Kontext und Flexibilität.

I = Unbegreifbarkeit verlangt nach Intuition.

Eine dazu passende Übung, die du regelmäßig für dich allein durchführen kannst, erkläre ich dir im folgenden Abschnitt. 

Übung, um das Gefühl der psychologischen Sicherheit aktiv zu trainieren 

  1. Nimm dir 30 Minuten Zeit für dich. Hole dir ein Blatt Papier und einen Stift. Mache es dir gemütlich und lasse ruhige Musik im Hintergrund laufen, wenn du das möchtest.
  2. Schreibe nun all deine positiven Charaktereigenschaften auf.
    Tipp: Frage doch mal Freunde, Kolleg*innen und Verwandte, was sie an dir mögen. Auch das sind wertvolle Schätze. 
  3. Nun blicke auf dein Leben. Achte auf alles, was dich ausmacht, auf alles, was du bereits erreicht hast! Und nun schreibe 30 Dinge auf, die dich einzigartig machen: „Ich bin einzigartig, weil …“

Zum Beispiel:

Ich bin einzigartig, weil …

… ich in ein fremdes Land gezogen bin.

… ich eine großartige Familie gegründet habe.

… ich mein Studium vollendet habe.

… ich ein Kunstwerk geschaffen habe.

… ich meiner Familie mit Rat zur Seite stehe.

Schreibe alle 30 Dinge zu deinen positiven Eigenschaften und trage diesen Zettel immer bei, so dass du ihn dir ansehen kannst, wenn es dir einmal nicht so gut gehen sollte.

Tipp: Schaue regelmäßig auf deine Erfolge zurück. Gemäß den Forschungen der positiven Psychologie braucht unser Gehirn 3 positive Erfahrungen, um 1 negative aufzuwiegen. Die bewusste Veränderung der Perspektive auf die Dinge gibt uns die Kraft, die wir in einer komplexen Welt brauchen.

Fazit

Psychologische Sicherheit entsteht durch die positive Qualität von Beziehungen – sowohl der Beziehung zu einem selbst als auch der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Sie ist essenziell für unser aller Zusammenleben, denn generell geht es darum: 

Wenn wir uns sicher fühlen, sind wir empathischer, innovativer und leben gesünder.

Gerade in unserer heutigen BANI-Zeit (brüchig, ängstlich, nicht-linear, unbegreiflich) brauchen wir das Gefühl der psychologischen Sicherheit, um im weltweiten Chaos angemessen agieren zu können. 

Ich möchte dir sagen: vertraue dir und deinen Talenten und Fähigkeiten. Konzentriere dich auf dich selbst, vergleiche dich nicht mit anderen. Du bist perfekt, so wie du bist.

Sei dankbar für alle Talente, die nur du in dieser einzigartigen Kombination besitzt. Und behandle dich selbst wie deinen besten Freund.

Mein Programm FUTURE READY

Wenn du das Gefühl der psychologischen Sicherheit gerne trainieren und zu deinen eigenen Schätzen finden möchtest, dann empfehle ich dir mein Online-Coaching-Programm FUTURE READY.

FUTURE READY ist mein ganzheitliches Online-Coaching-Programm, in dem du lernst, deine Potenziale in diesen Zeiten des Wandels mit Haltung und Klarheit einzubringen. Alle Module bauen logisch aufeinander auf und wir arbeiten mit den Bausteinen deiner ganz eigenen emotionalen Intelligenz. Ganz in deinem eigenen Tempo und wenn du es wünscht, mit individueller Begleitung durch professionelle 1:1 Coachings.

Quellen

Bücher:

  • Edmondson, A. C. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44.
  • Edmondson, A. C. (2003). Framing for Learning: Lessons in Successful Technology Implementation. California Management Review, Volume: 45 issue: 2.
  • Kahn, William A. (1990). Psychological Conditions of Personal Engagement and Disengagement at Work: Academy of Management Journal.
  • Schein, Edgar H. and Bennis, Warren G. (1965). Personal and Organizational Change Through Group Methods: The Laboratory Approach.

Zeitschriften:

  • Harvard Business Manager, Spezial 2021. manager magazin new media GmbH & Co. KG.

Podcast:

  • Green, D. (2020): Summer Special: How to Create Psychological Safety at Work with Amy Edmondson. Podcastinterview, 14.07.2020; www.myhrfuture.com

Links: 

  • https://www.ckju.net/de/blog/dem-geheimnis-der-psychologischen-sicherheit-auf-der-spur-was-sagen-die-forschungsergebnisse/28092 (Zuletzt abgerufen: 03.12.2021)
  • https://de.wikipedia.org/wiki/3-Phasen-Modell_von_Lewin (Zuletzt abgerufen: 03.12.2021)
  • https://juttaheller.de/resilienz/resilienz-abc/psychologische-sicherheit/ (Zuletzt abgerufen: 03.12.2021)
  • https://www.anti-bias.eu/wissen/definitionen/psychologische-sicherheit-definition/ (Zuletzt abgerufen: 03.12.2021)
  • https://rework.withgoogle.com/guides/understanding-team-effectiveness/steps/introduction/ (Zuletzt abgerufen: 03.12.2021)
  • https://medium.com/@cascio/facing-the-age-of-chaos-b00687b1f51d (Zuletzt abgerufen: 03.12.2021)